Die Wiederverzauberung der Welt


Religionswissenschaftliche Erkundungen von Bäumen und Menschen im Zeitalter einer neuen romantischen Ökologie


Angesichts der Klimakatastrophe kritisieren Denker:innen aus dem Globalen Süden die Ausblendung bestimmter Themen innerhalb der Wissenschaften und fordern eine grundlegende Dekolonialisierung des Denkens, die überhaupt erst den Raum für eine neue Mensch-Naturbeziehung ermöglichen würde. Im Mittelpunkt eines erneuerten kulturellen Interesses stehen Bäume als faszinierende Wesen, die auf vielfältige Weise mit Menschen in Beziehung treten.

Die religionswissenschaftliche Untersuchung von Menschen und Bäumen knüpft daran an, indem untersucht wird, inwiefern lokale Entwicklungen und Diskurse mit einem globalen Verständnis von Religion interagiert und dieses mitbestimmt haben. Dazu wurde eine Forschungsreise nach Nordostindien unternommen, Interviews durchgeführt, wissenschaftliche Arbeiten rezipiert und mit Partner:innen aus Nord-Ost-Indien eine Reihe an Workshops organisiert („Forest, Trees and People“, „Companions and Partners in a More-than-Human-World“).

Die Hauptherangehensweise entspringt einer historischen Diskursanalyse. Wichtige Elemente des diskursiven Netzes, dem genealogisch nachgespürt wird, sind die Begriffe der „indigenen Gemeinschaften“ und des sogenannten „Animismus“. Die These der Arbeit ist, dass die beiden Diskurse des „Animismus“ und der „indigenen Gemeinschaften und Religionen“ sowohl von expliziten und impliziten religionswissenschaftlichen Vorannahmen durchzogen sind, als auch dazu beitragen, das religiöse Feld mit seinen Metaphern, Begrifflichkeiten und Bildern, neu zu gestalten und zu formen.

Innerhalb der Religionswissenschaft wird intensiv darum gerungen, wie sich das Fach zu den Anfragen der Wissenschaftler:innen aus dem globalen Süden und ihren Forderungen nach einer Dekolonialisierung und epistemischem Bruch zu verhalten habe. Gerade die angesprochenen Diskurse der Indigenität sind es, die die radikalsten Zweifel formulieren und an den Grundpfeilern des westlichen Wissenschaftsverständnisses und seinen Postulaten rütteln. In der Arbeit werden diese Argumente aus Sozialanthropologie und Environmental Humanities dargestellt und in ein produktives Gespräch mit der Religionswissenschaft gebracht um zu einer erneuerten planetarischen Religionsgeschichte zu gelangen.


Mit diesem Projekt in Verbindung stehende Veröffentlichungen

Bernhard Gißibl/Maria Schubert/Simon Wiesgickl (Hg.), Special Issue „Christentum und Ökologie“, Kirchliche Zeitgeschichte/Contemporary Church History 38:1 (2025).

Bäume der Erkenntnis umarmen. Religiöse und ökologische Herausforderungen der Plant Studies, in: Wiesgickl et.al. (Hg.), Postkoloniale Theologien III. Ökologie und Klimagerechtigkeit, Stuttgart 2026, 96–110.

Thinking with Trees. Researching Religion in the Anthropocene, in: Worldviews 29 (3,2025), 241–262.

Globale Religionsgeschichte, Natur und nicht-menschliche Akteure. Zeitschrift für Religionswissenschaft, 33(1,2025), 25–49.

Planetary Perspectives on Ecotheology, in: ABS Journal of Theology 12 (1,2024), 1–14.

Der Weg des Wassers. Ökologische und Ontologische Formen des Widerstands, in: Stefan Silber/Kim Sung/Christian Tauchner/Simon Wiesgickl (Hg.), Widerstand und Gewalt, Neuendettelsau 2024.

Planetarische Körper, indigenes Wissen und Gott als Körper. Auf dem Weg zu einer postkolonialen Schöpfungstheologie innerhalb der planetaren Wende, in: ZMiss 50 (1,2024), 215–232.

Eine populärwissenschaftliche Betrachtung des Themas findet sich in einem Artikel auf feinschwarz:

Der Beitrag „Die Religion der Bäume“ beleuchtet die spirituelle Bedeutung von Bäumen in verschiedenen kulturellen und religiösen Traditionen, insbesondere im indischen Bundesstaat Sikkim. Anhand konkreter Beispiele zeigt Simon Wiesgickl, wie Bäume dort als Teil einer lebendigen Gemeinschaft verstanden und durch Rituale, Erinnerungspraktiken und religiöse Vorstellungen geschützt werden. Der Artikel lädt dazu ein, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur neu zu denken und alternative Perspektiven auf Umwelt, Spiritualität und ökologische Verantwortung kennenzulernen.

Nachzulesen ist der Artikel auf feinschwarz.